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Perfektionismus bei ADHS

02. September 2026 · 8 Min. Lesezeit

Es soll richtig gut werden. Nicht irgendwie, nicht halbwegs und schon gar nicht „passt schon“. Wenn wir etwas machen, dann bitte ordentlich. Also wird noch einmal nachgebessert, kontrolliert, verändert und überlegt. Eigentlich war die Aufgabe längst fertig, aber vielleicht geht da noch etwas. Ein anderes Wort wäre besser. Die Schrift könnte zwei Pixel größer sein. Diese eine Stelle fühlt sich noch nicht ganz richtig an. Und plötzlich sind zwei Stunden vergangen. Perfektionismus klingt zunächst nach einer durchaus sympathischen Eigenschaft. Schließlich möchte jemand gute Arbeit leisten, achtet auf Details und gibt sich Mühe. Das Problem beginnt dort, wo aus „Ich möchte es gut machen“ langsam „Es darf auf keinen Fall schlecht werden“ entsteht. Dann treibt der eigene Anspruch nicht mehr an, sondern steht irgendwann mit verschränkten Armen vor der Tür und lässt uns gar nicht erst anfangen. Gerade bei ADHS kann Perfektionismus eine interessante Begleiterscheinung sein. Denn ausgerechnet Menschen, denen häufig Chaos, Vergesslichkeit oder Unorganisiertheit zugeschrieben werden, können gleichzeitig einen enorm hohen Anspruch an sich selbst entwickeln. Wenn Fehler irgendwann gefährlich wirken Nach unserem letzten Beitrag darüber, warum Kritik so weh tun kann, ist der Weg zum Perfektionismus gar nicht weit. Wer häufig erlebt hat, dass Fehler auffallen, Dinge vergessen werden oder andere mit Unverständnis reagieren, kann irgendwann versuchen, genau solche Situationen möglichst vollständig zu vermeiden. Dann wird aus Sorgfalt langsam Kontrolle. Lieber noch einmal überprüfen. Lieber noch etwas vorbereiten. Lieber erst anfangen, wenn man sicher ist, dass man es auch wirklich schaffen kann. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Wenn ich keinen Fehler mache, kann mich auch niemand dafür kritisieren. Nur leider gibt es da ein kleines Problem. Fehler lassen sich nicht vollständig verhindern. Das weiß unser Verstand natürlich. Der Perfektionismus hat diese Information allerdings offenbar nicht erhalten. Perfektionismus kann erstaunlich unproduktiv sein Von außen wirkt ein perfektionistischer Mensch oft besonders leistungsorientiert. Im Alltag kann genau dieser hohe Anspruch aber dazu führen, dass Aufgaben liegen bleiben. Je wichtiger etwas ist, desto größer wird die Erwartung an das Ergebnis und desto schwieriger wird der Anfang. Ein leerer Bildschirm ist dafür ein wunderbares Beispiel. Eigentlich müsste nur der erste Satz geschrieben werden. Doch der soll natürlich gut sein. Besser noch: richtig gut. Also wird nachgedacht, verworfen, neu formuliert und irgendwann beschlossen, dass man später mit einem klareren Kopf weitermacht. So kann aus Perfektionismus Prokrastination entstehen. Nicht weil die Aufgabe egal ist, sondern manchmal gerade deshalb, weil sie besonders wichtig ist. Der Anspruch wird so hoch, dass jeder mögliche Anfang dagegen schlecht aussieht. Die unsichtbare Perfektionismus-Schleife Das Ganze kann sich zu einem ziemlich anstrengenden Kreislauf entwickeln. Wir setzen die Messlatte sehr hoch, fühlen uns davon überfordert und schieben die Aufgabe auf. Irgendwann wird die Zeit knapp, der Druck steigt und plötzlich muss alles unter Stress erledigt werden. Danach sehen wir natürlich vor allem die Dinge, die wir hätten besser machen können. Beim nächsten Mal nehmen wir uns deshalb vor, früher anzufangen und es noch gründlicher zu machen. Und damit liegt die Messlatte beim nächsten Versuch noch ein kleines Stück höher. Das Verrückte daran: Von außen sieht das Ergebnis möglicherweise hervorragend aus. Innen bleibt trotzdem das Gefühl, nicht genug gemacht zu haben. Genau hier lohnt es sich, den Kreislauf bewusst zu unterbrechen.

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Gut genug fühlt sich manchmal verdächtig an „Das reicht.“ Für einen perfektionistischen Kopf können diese zwei Worte fast körperliches Unbehagen auslösen. Wie bitte? Einfach aufhören? Aber da könnte man doch noch ... Genau deshalb kann „gut genug“ etwas sein, das man regelrecht üben muss. Es bedeutet nicht, schlampig zu arbeiten oder sich keine Mühe mehr zu geben. Es bedeutet, den Punkt zu erkennen, an dem zusätzlicher Aufwand kaum noch zusätzlichen Nutzen bringt. Die ersten 80 Prozent einer Aufgabe bringen uns häufig sehr weit. Für die letzten 20 Prozent können wir anschließend noch einmal genauso viel Zeit investieren, weil irgendwo noch eine Formulierung, ein Abstand oder irgendein winziges Detail verbessert werden könnte, das außer uns vermutlich niemandem aufgefallen wäre. Qualität ist wertvoll. Endlosschleifen sind es nicht. Definiere fertig, bevor du anfängst Ein einfacher Trick kann enorm helfen: Entscheide vor einer Aufgabe, was „fertig“ bedeutet. Nicht währenddessen. Denn während wir arbeiten, verschiebt sich die Ziellinie gerne nach hinten. Aus „Ich schreibe einen guten Text“ wird irgendwann „Ich brauche den perfekten Text, passende Bilder, ein neues Layout und vielleicht sollte ich bei der Gelegenheit gleich noch die komplette Startseite überarbeiten.“ Deshalb vorher festlegen: Was muss diese Aufgabe wirklich erfüllen? Was wäre schön, ist aber nicht notwendig? Und wann höre ich auf? Damit bekommt Perfektionismus eine Grenze, bevor er anfängt, die Möbel umzustellen. Die 80-Prozent-Regel Eine hilfreiche Orientierung ist die 80-Prozent-Regel. Sie bedeutet nicht, grundsätzlich nur noch 80 Prozent Leistung zu bringen. Vielmehr geht es darum, sich bewusst zu fragen, ob die letzten Prozent Verbesserung den zusätzlichen Aufwand tatsächlich rechtfertigen. Bei einer wichtigen Bewerbung, einem sicherheitsrelevanten Dokument oder einer entscheidenden beruflichen Aufgabe kann eine weitere Kontrolle sinnvoll sein. Bei der Schriftgröße einer privaten Einkaufsliste eher weniger. Nicht jede Aufgabe verdient dieselbe Perfektion. Das ist ein entscheidender Gedanke. Unsere Energie ist begrenzt. Wenn wir für jede Kleinigkeit 100 Prozent verlangen, fehlen diese 100 Prozent irgendwann dort, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Gib Aufgaben ein Zeitbudget Perfektionismus liebt Aufgaben ohne Ende. „Ich arbeite daran, bis es gut ist“ kann deshalb gefährlich werden, denn „gut“ bewegt sich während der Arbeit gerne immer weiter weg. Hilfreicher ist ein Zeitbudget: Für diese Aufgabe nehme ich mir 45 Minuten. Danach prüfe ich das Ergebnis einmal und entscheide bewusst, ob weitere Arbeit wirklich notwendig ist. Ein Timer kann dabei wieder ein ziemlich guter Verbündeter sein. Nicht als Druckmittel, sondern als Erinnerung daran, kurz aus dem Tunnel aufzutauchen und zu überprüfen, ob man noch sinnvoll verbessert oder inzwischen nur noch poliert. Unter „Empfehlungen“ findest du einen Timer, der sich bei uns bewährt hat. Manchmal lautet die richtige Entscheidung tatsächlich: noch einmal ran. Manchmal lautet sie aber auch einfach: speichern, schließen, fertig. Erlaube dir einen schlechten ersten Entwurf Dieser Gedanke kann für Perfektionisten zunächst geradezu beleidigend wirken. Etwas absichtlich nicht perfekt machen? Genau. Ein erster Entwurf muss nicht gut sein. Er muss existieren. Ein Text darf holprig beginnen. Eine Präsentation darf zunächst hässlich aussehen. Eine Idee darf unvollständig sein. Ordnung darf erstmal nur bedeuten, dass der Boden wieder sichtbar ist. Gerade bei Kindern ist es wichtig, die Aufgaben in kleinere, überschaubare Schritte herunterzubrechen. Verbessern kann man etwas, das existiert. Eine perfekte Version von etwas, das nie begonnen wurde, ist dagegen überraschend nutzlos. Gerade für ein ADHS-Gehirn kann diese Erlaubnis unglaublich befreiend sein. Der Einstieg wird leichter, weil nicht sofort das endgültige Ergebnis entstehen muss. Sprich mit dir wie mit einem guten Freund Perfektionismus besitzt häufig eine ziemlich unangenehme Stimme. Sie entdeckt zuverlässig jeden Fehler, jedes Versäumnis und jede Kleinigkeit, die noch besser sein könnte. Deshalb hilft eine Frage, die wir schon beim Umgang mit Kritik verwendet haben: Würde ich mit einem anderen Menschen gerade genauso umgehen? Wenn ein Freund eine Aufgabe zu 90 Prozent hervorragend erledigt hat, würden wir wahrscheinlich nicht auf die fehlenden zehn Prozent zeigen und erklären, dass damit selbstverständlich alles wertlos ist. Bei uns selbst sind wir manchmal erstaunlich kreativ darin. Der Anspruch darf hoch sein. Die Art, wie wir mit uns umgehen, muss deshalb aber nicht hart sein. Deine hohen Ansprüche sind nicht der Feind Perfektionismus hat schließlich auch eine positive Seite. Menschen mit hohen Ansprüchen können unglaublich gewissenhaft sein, Details entdecken, die andere übersehen, kreative Lösungen immer weiter verbessern und eine enorme Leidenschaft für Qualität entwickeln. Gerade zusammen mit Hyperfokus kann daraus etwas Besonderes entstehen. Eine Idee wird nicht einfach umgesetzt, sondern durchdacht, verbessert und weiterentwickelt. Genau daraus können großartige Projekte entstehen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie werde ich meinen Perfektionismus los? Sondern: Arbeitet er gerade für mich - oder arbeite ich inzwischen für ihn?

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Fertig ist manchmal besser als perfekt Es darf Dinge geben, bei denen du alles gibst. Projekte, die dir wirklich wichtig sind und bei denen deine Liebe zum Detail eine Stärke ist. Genau dort darf dieser Teil deines Gehirns zeigen, was er kann. Aber nicht jede E-Mail braucht Pulitzerpreis-Niveau. Nicht jede WhatsApp-Nachricht benötigt drei Überarbeitungsrunden und nicht jede Aufgabe verdient zwei zusätzliche Stunden, nur damit aus sehr gut vielleicht noch ein winziges bisschen besser wird. Manchmal besteht Fortschritt nicht darin, noch etwas zu verbessern. Manchmal besteht Fortschritt darin, aufzuhören. Den Laptop zuzuklappen. Die Nachricht abzuschicken. Die Aufgabe abzuhaken und die eigene Energie zur nächsten Sache mitzunehmen. Vielleicht fühlt sich das am Anfang ungewohnt an. Das ist völlig in Ordnung. Perfektionismus verschwindet nicht, nur weil wir einmal „gut genug“ sagen. Aber jedes Mal, wenn du bewusst entscheidest, dass etwas fertig ist, setzt du die Messlatte nicht niedriger. Du entscheidest nur selbst wieder, wo sie stehen soll.