Manchmal reicht ein einziger Satz. Vielleicht war er gar nicht besonders böse gemeint, vielleicht sogar sachlich. Trotzdem bleibt er hängen. Während der andere längst wieder mit seinem Tag beschäftigt ist, arbeitet es im eigenen Kopf weiter: War ich wirklich so schlecht? Habe ich etwas falsch gemacht? Was denkt der andere jetzt über mich? Für viele Menschen mit ADHS kann Kritik erstaunlich tief gehen. Dabei geht es nicht darum, „zu empfindlich“ zu sein oder mit Kritik grundsätzlich nicht umgehen zu können. Häufig trifft eine Rückmeldung auf ein Nervensystem und eine Lebensgeschichte, die schon ziemlich viel Erfahrung damit haben, korrigiert, ermahnt oder missverstanden zu werden. Wenn aus einer Rückmeldung plötzlich ein Urteil über uns selbst wird Eigentlich lautet die Kritik vielleicht nur: „Das hast du vergessen.“ Im eigenen Kopf kommt aber etwas völlig anderes an: „Du bist unzuverlässig.“ Aus „Hier ist dir ein Fehler passiert“ wird schnell „Ich kann das einfach nicht“. Und aus einem kleinen Hinweis kann innerhalb weniger Sekunden eine ziemlich umfassende Bewertung der eigenen Person entstehen. Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied. Kritik beschreibt normalerweise eine Handlung, einen Fehler oder eine konkrete Situation. Unser Gehirn macht daraus manchmal eine Aussage darüber, wer wir sind. Je stärker der eigene Selbstwert ohnehin unter Druck steht, desto leichter passiert genau das. Das kann besonders bei ADHS eine Rolle spielen, weil viele Betroffene schon früh erfahren, dass bestimmte Dinge scheinbar mühelos funktionieren sollten, es bei ihnen aber trotzdem nicht tun. Pünktlich sein. Aufpassen. Still sitzen. Dinge nicht vergessen. Erst nachdenken und dann handeln. Ordnung halten. Aufgaben rechtzeitig beginnen. Viele kleine Erfahrungen hinterlassen Spuren Wer über Jahre immer wieder hört, er müsse sich mehr anstrengen, besser konzentrieren oder endlich organisierter werden, nimmt davon etwas mit. Irgendwann braucht es vielleicht gar niemanden mehr, der kritisiert, weil der innere Kritiker den Job längst übernommen hat- selbstverständlich in Vollzeit und ohne Urlaubsanspruch. Dann kann eine kleine Rückmeldung alte Zweifel berühren. Nicht nur der aktuelle Fehler tut weh, sondern alles, was das Gehirn damit verbindet. Deshalb kann die emotionale Reaktion viel größer erscheinen als der eigentliche Anlass. Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS keine Verantwortung für Fehler übernehmen müssen. Natürlich nicht. Es macht aber einen gewaltigen Unterschied, ob ich denke „Da ist mir etwas schiefgegangen“ oder „Mit mir stimmt etwas nicht“.

Und plötzlich beginnt die innere Detektivarbeit Nicht nur direkte Kritik kann schwierig sein. Manchmal genügt bereits das Gefühl, jemand könnte enttäuscht, genervt oder ablehnend sein. Eine knappe Nachricht, ein anderer Gesichtsausdruck oder eine ausbleibende Reaktion kann reichen, damit das Gehirn beginnt, nach einer Erklärung zu suchen. Das Problem: Wenn Informationen fehlen, ergänzt unser Kopf sie gerne selbst. Und er ist dabei nicht immer besonders optimistisch. Aus „Er hat noch nicht geantwortet“ wird dann möglicherweise „Er ist sauer auf mich“. Aus „Meine Idee wurde nicht genommen“ wird „Meine Ideen sind schlecht“. Hier hilft eine erstaunlich einfache Frage: Was weiß ich wirklich und was vermute ich gerade nur? Sie löst nicht jedes Gefühl sofort auf, schafft aber einen kleinen Abstand zwischen dem, was tatsächlich passiert ist, und der Geschichte, die unser Kopf daraus macht. RSD - ein Begriff, der häufig auftaucht Im Zusammenhang mit ADHS begegnet einem im Internet inzwischen häufig die Abkürzung RSD. Sie steht für Rejection Sensitive Dysphoria und beschreibt eine besonders starke emotionale Reaktion auf tatsächliche oder wahrgenommene Zurückweisung, Ablehnung oder Kritik. Wichtig ist allerdings die Einordnung: RSD ist keine eigenständige medizinische Diagnose und auch kein offizielles Diagnosekriterium für ADHS. Der Begriff beschreibt Erfahrungen, in denen sich viele Betroffene wiedererkennen, sollte aber nicht dazu führen, jede starke emotionale Reaktion automatisch mit RSD zu erklären. Gut belegt ist dagegen, dass Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation bei vielen Menschen mit ADHS auftreten können. Gefühle können schneller hochfahren und es kann länger dauern, bis das innere System wieder herunterkommt. Das macht die Gefühle nicht falsch - manchmal nur verdammt laut. Gefühl und Tatsache dürfen getrennte Wege gehen Eine der hilfreichsten Strategien besteht darin, ein Gefühl zunächst ernst zu nehmen, ohne ihm automatisch recht zu geben. „Ich fühle mich gerade abgelehnt“ ist etwas anderes als „Ich werde abgelehnt“. Dieser kleine sprachliche Unterschied kann enorm hilfreich sein. Das Gefühl darf da sein. Gleichzeitig dürfen wir prüfen, welche Fakten tatsächlich vorhanden sind. Was wurde wirklich gesagt? Wurde meine Person kritisiert oder nur etwas, das ich getan habe? Gibt es vielleicht noch andere Erklärungen für die Situation? Damit wird das Gefühl nicht wegdiskutiert. Wir geben ihm lediglich nicht automatisch das Steuer in die Hand. Nicht jede Kritik verlangt eine sofortige Antwort Wenn Kritik emotional einschlägt, möchte man häufig unmittelbar reagieren. Rechtfertigen, erklären, zurückschießen oder sich komplett zurückziehen. Genau dieser erste Moment ist aber oft der schlechteste Zeitpunkt für eine endgültige Reaktion. Es ist völlig in Ordnung zu sagen: „Ich möchte kurz darüber nachdenken.“ Damit entsteht ein kleiner Puffer zwischen Gefühl und Handlung. Man kann später immer noch erklären, widersprechen, Verantwortung übernehmen oder eine Grenze setzen, nur eben mit einem Gehirn, das inzwischen wieder etwas mehr Sauerstoff bekommen hat. Gerade im beruflichen Alltag kann diese Pause Gold wert sein. Nicht jede Rückmeldung muss innerhalb von zehn Sekunden verarbeitet, bewertet und beantwortet werden. Der Raum zwischen dem, was uns trifft, und dem, wie wir darauf reagieren, gibt uns die Möglichkeit, bewusst innezuhalten, unsere Gedanken zu ordnen und eine angemessene Antwort zu wählen.

Mach aus Kritik eine Information Kritik fühlt sich wesentlich weniger bedrohlich an, wenn wir lernen, sie auseinanderzunehmen. Statt „Das war schlecht“ brauchen wir konkrete Informationen: Was genau war nicht gut? Was hätte anders sein sollen? Was kann ich beim nächsten Mal verändern? Damit wird aus einer emotionalen Bewertung eine Aufgabe, mit der das Gehirn arbeiten kann. Ein konkreter Verbesserungspunkt ist wesentlich leichter zu verarbeiten als ein diffuses Gefühl, versagt zu haben. Und manchmal stellt man bei genauerem Hinsehen sogar fest, dass eine Kritik überhaupt nicht hilfreich oder fair war. Auch das darf sein. Nicht jede Meinung über uns ist automatisch wahr, nur weil jemand sie mit ausreichend Überzeugung ausgesprochen hat. Der innere Kritiker braucht gelegentlich Gegenwind Viele Menschen würden niemals so mit einem Freund umgehen, wie sie mit sich selbst umgehen. Ein Freund vergisst einen Termin und wir sagen: „Mist, kann passieren.“ Wir selbst vergessen einen Termin und veranstalten innerlich direkt eine dreistündige Gerichtsverhandlung über unsere gesamte Lebensführung. Hier lohnt sich ein Perspektivwechsel. Was würdest du einem Menschen sagen, den du magst, wenn ihm genau dieser Fehler passiert wäre? Vermutlich etwas deutlich Vernünftigeres als das, was dein innerer Kritiker gerade produziert. Selbstmitgefühl bedeutet dabei nicht, jeden Fehler schönzureden. Es bedeutet, Verantwortung übernehmen zu können, ohne sich dafür selbst fertigzumachen. Fehler dürfen korrigiert werden, ohne dass gleich der ganze Mensch repariert werden muss. Sensibilität hat auch eine andere Seite Eine feine Wahrnehmung kann anstrengend sein, gleichzeitig steckt darin etwas Wertvolles. Manche Menschen mit ADHS nehmen Stimmungen sehr schnell wahr, reagieren intensiv auf ihre Umgebung und besitzen ein ausgeprägtes Gespür dafür, wenn es anderen nicht gut geht. Diese Sensibilität kann Empathie, Kreativität und eine große emotionale Tiefe fördern. Das gleiche System, das uns manchmal eine Bemerkung länger mitnehmen lässt, kann auch dafür sorgen, dass wir Zwischentöne wahrnehmen, andere Menschen ernst nehmen und uns mit großer Begeisterung für etwas einsetzen. Das Ziel muss deshalb nicht sein, weniger zu fühlen. Viel hilfreicher ist es, zu lernen, welche Gefühle gerade wichtige Informationen liefern und welche durch alte Erfahrungen, Unsicherheit oder vorschnelle Interpretationen verstärkt werden. Ein kleiner Notfallplan für schwierige Momente Wenn eine Bemerkung richtig trifft, muss nicht sofort alles analysiert werden. Erst einmal Abstand schaffen, kurz bewegen, ein Glas Wasser trinken oder ein paar Minuten etwas völlig anderes tun. Das Nervensystem darf sich beruhigen, bevor der Kopf versucht, die Situation zu lösen. Danach helfen drei Fragen: Was wurde tatsächlich gesagt? Was interpretiere ich hinein? Und gibt es etwas Konkretes, das ich daraus mitnehmen möchte? Mehr muss zunächst gar nicht passieren. Mit der Zeit entsteht dadurch etwas Wichtiges: Kritik verliert ihren Charakter als Urteil über den eigenen Wert. Sie wird wieder das, was sie im besten Fall sein sollte - eine Information, die man prüfen, annehmen, teilweise annehmen oder auch zurückweisen darf. Vielleicht wird der kleine Satz trotzdem manchmal noch länger im Kopf bleiben, als einem lieb ist. Aber er muss dort nicht mehr das komplette Abendprogramm übernehmen. Und vor allem entscheidet er nicht darüber, wie viel du wert bist.

